• Drei Tage und ein Leben

    Lemaitre, Pierre

    Der neue Bestseller des Goncourt-Preisträgers Pierre Lemaitre

    "Innerhalb wenig... mehr

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Drei Tage können ein halbes Leben sein

Der perfekt komponierte Roman stellt eine überzeugende psychologische Studie dar, die mit beeindruckender Empathie entwickelt wird. Kurz vor dem Weihnachtsfest 1999 kommt es in dem nordfranzösischen Ort Beauval zu einer Tragödie. Auslöser ist die Erschießung eines angefahrenen Hundes, den der 12-jährige Antoine sehr geliebt hat, durch den Hundebesitzer und Nachbarn Desmedt. In einer Art Racheakt schlägt Antoine beim Spielen auf den kleinen Rémi Desmedt ein, wobei er diesen so unglücklich trifft, dass Rémi stirbt. Fortan lebt Antoine in ständig aufflackernder Panik, als Mörder entlarvt zu werden. Im weiteren Verlauf seines Lebens gerät Antoine mehrfach in scheinbar ausweglose Situationen, denen er zwar entgeht, jedoch nicht ohne massive Folgen.

Der Roman bewährt sich als überaus präzise und in allen Differenzierungen und Wendungen überzeugende existential-psychologische Studie. Antoines jeweilige Entscheidungen bleiben stets nachvollziehbar und in sich stimmig. Sie gehorchen einer komplexen psychologischen Eigenlogik zwischen Selbsterhaltung und Selbstbestrafung. Der gesamte Roman ist sorgfältig gebaut, ohne doch je konstruiert zu wirken.

(H.K.)


  • Miakro

    Klein, Georg

    Die Männer, die im Mittleren Büro ihren Dienst versehen, arbeiten, Pult neben Pult, am we... mehr

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Achtsam bedacht

Von Ben Aaronovitch bis Juli Zeh habe ich hier über viele Autorinnen und Autoren geschrieben. Über Georg Klein kann ich nicht schreiben. Mit einer Geste der tiefsten Verbeugung schreibe ich mich allenfalls zu ihm hinauf. Mit seinem neuen Roman Miakro, einer Dystopie der besonderen Art, hat er sich noch einmal selbst übertroffen. Im ersten Teil erfahren wir vom Überlebenskampf einer kleinen Gruppe sog. 'Büroler', die im 'Mittleren Büro' eines zum Riesenlebewesen mutierten Gebäudes mehr oder minder gefangen sind. Der zweite Teil bietet die Außenperspektive, den Versuch einer Hundertschaft, die Eingeschlossenen zu befreien. Auf höchst rätselhafte Weise spiegeln sich alle Vorgänge aus dem Inneren ins Äußere, was dem Leser bei wenig Gewissheiten viele Deutungsmöglichkeiten bietet. Ähnlich wie im letzten Roman, Die Zukunft des Mars, hat eine nicht näher beschriebene Katastrophe die Menschheit weit zurückgeworfen, doch wie der unermüdliche Sisyphos fängt das Geschlecht der Fehlgeschlagenen auch hier wieder von vorn an.

Neben die großartig entfaltete Atmosphäre eines durch die Überschärfe der Details entschärften Horrors treten unvergessliche Figuren, allen voran 'Frau Fachleutnant Xazy', eine 'Naturkontrollagentin', die alles im Griff hat, nur nicht die Natur. Neu bei Georg Klein ist, zumindest in dieser Dimension, ein wunderbarer Humor, der die Protagonisten in ihrem absurden Scheitern dennoch nicht der Lächerlichkeit preisgibt. Und alles Geschehen wird überstrahlt von einer Sprache, die es in der deutschen Literatur sonst so nicht gibt. Eine Sprache, die bis zur Lyrik reicht, und alle Tragik 'so sacht, als wäre dies alles achtsam bedacht, in ihre gemeinsame Nacht' (S. 216) rettend birgt. Das klingt, wie das Motto, Clemens Brentano zitierend, zeigt, nicht zufällig nach Romantik. Georg Klein fordert in seiner Kompromisslosigkeit vom Leser alles, bietet dafür im Gegenzug aber auch alles, was Literatur geben kann.

(H.K.)


  • Der freieste aller Dichter

    Streletz, Werner

    Der Autor Werner Streletz erzählt das abenteuerliche und tragische Schicksal des französi... mehr

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Pas de deux avec Desnos

Bei der kleinen, aber feinen Erzählung über den surrealistischen Dichter Robert Desnos handelt es sich im strengen Sinne nicht um eine „Novelle', wie es auf dem Titelblatt steht, weil hier ein Umschlagpunkt, ein Perspektivwechsel oder eine Kehrtwende des Geschehens fehlt. Dafür bietet die Erzählung jedoch einen klug gewählten Zugang zu dem 1900 geborenen und 1945, an den Folgen einer KZ-Haft in Theresienstadt gestorbenen jüdischen Dichter. In extremer Subjektivität identifiziert und distanziert der Erzähler sich in fortwährenden Schleifen mit und von Desnos, so dass beim Leser der Eindruck einer Tanzfigur entsteht, die mit einer tiefen Verbeugung des Erzählers vor dem „freiesten aller Dichter' endet. Desnos war ein feinsinniger Anarchist, eine widersprüchliche Figur, wie es sie im Dadaismus und Surrealismus häufiger gab (etwa Hugo Ball). Dass er dem wilden und zugleich dogmatischen Surrealismus-Papst André Breton auf Dauer nicht gefallen konnte, wird hier ebenfalls deutlich.

Am höchsten anzurechnen ist dem Text der poetische Zugang und der Verzicht auf die Verbeugung vor der Literaturwissenschaft. In Zeiten von Wikipedia ist das klassische Verfahren eines literarischen Faktenpatchworks, das etwa Dieter Kühn (zu Napoleon u.a.), Hildesheimer (Mozart) oder Enzensberger (Durruti, Hammerstein) zur Perfektion gebracht hatten, sinnlos geworden, ist doch die Online-Enzyklopädie selbst nichts anderes. Die lyrische Identifikation mit dem abschließenden Verstummen vor dem tragischen Ende ergibt hingegen eine stimmige Erzählung, die im Leser nachwirken kann. Literarisch ist dies der wohl stärkste Text, den Werner Streletz bislang publiziert hat.

(H.K.)


  • Dieser Volkszähler

    Miéville, China

    Auf einem Berg oberhalb des Brückendorfes, in einem abgelegenen Haus, lebt ein Junge mit ... mehr

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Ein wunderschöner Alptraum

Diese exzellente Schilderung eines Alptraums erinnert an Erzählungen Ray Bradburys oder die Trilogie Jeff VanderMeers, von fern auch an Agota Kristofs Das große Heft.
Der 'Junge', zugleich namenloser Erzähler, flieht aus dem einsam am Berg gelegenen Haus seines Vaters, weil er diesen verdächtigt, die verschwundene Mutter ermordet zu haben. Den Abschiedsbrief der Mutter erklärt er zu einer Fälschung. Er möchte im Dorf bei den unter einer Brücke hausenden 'Brückenkindern' um Samma und Drobe bleiben, doch die Dorfpolizei findet keine Beweise für den Mord und der Junge muss zu seinem Vater zurück. Dieser ist von Beruf 'Schlüsselmacher', allerdings handelt es sich magische Schlüssel zur Lösung von Problemen der jeweiligen Auftraggeber. Erst gegen Ende der Novelle taucht der titelgebende Volkszähler auf, der dem Jungen anbietet, ihn als 'Famulus' anzunehmen und so vom Vater zu befreien.
Die Novelle lebt von den phantastischen, meist bedrückenden Einfällen des Autors und einem großartig getroffenen Ton tiefer Melancholie. So gibt es nahe der elterlichen Wohnung in einer Höhle einen geheimnisvollen unendlich tiefen Spalt, in den der Vater nach Auffassung des Jungen auch die getötete Mutter geworfen hat. Besonders beklemmend wird eine Art Hobby beschrieben, Eidechsen und andere Tiere in Flaschen groß zu ziehen, aus denen sie dann nicht mehr entweichen können. Die Gesellschaft erscheint stark retardiert, nach zwei Kriegen hat man offenbar alle Maschinen abgeschafft, nur wenige Menschen können lesen und schreiben. Viele der so schwer in Worte zu fassenden Elemente eines typischen Alptraums sind hier treffsicher beschrieben. Das macht das Fesselnde dieser Novelle aus.

(H.K.)


  • Warten auf Gonzo

    Cousins, Dave

    Oz ist immer für einen Lacher zu haben. Es ist wirklich nicht seine Schuld, dass manche L... mehr

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Kandidat für den Jugendliteraturpreis!

Der 15-jährige Oz schreibt von seinen Enttäuschungen, nachdem die Familie aus der Großstadt London in das ländlich öde Slowleigh gezogen ist und er seine alten Freunde verloren hat. Mit den neuen Mitschülern kommt er nicht zurecht, zudem stapft er von einem Fettnäpfchen ins nächste. So macht er sich die „Psycho“ genannte Isobel Skinner gleich zur Feindin. Später entsteht zwischen beiden eine herzliche Nicht-Beziehung. Außerdem sucht der unmögliche Ryan, der selbstgestrickte Hobbit-Socken trägt und Beatles-Schallplatten hört, Oz' zweifelhafte Freundschaft. Im Zentrum aber steht die geheim gehaltene Schwangerschaft seiner Schwester Meg, von der Oz zufällig erfährt. In der Folgezeit erzählt er seiner Schwester von seinen Phantasien über das ungeborene Kind, das er „Gonzo“ nennt. Die 17-jährige ist eigentlich entschlossen, das Kind abzutreiben...
Cousins lässt seinen Helden mit großartiger Komik und wunderbaren Pointen erzählen. Raffiniert zieht er einen doppelten Boden ein, indem das geschilderte Geschehen offenkundig nicht immer mit Oz' Darstellungen übereinstimmt.
So überzeugt der Roman durch viele lebendige warmherzig entfaltete Figuren als eine glaubwürdig dargestellte differenzierte Entwicklungsgeschichte, erzählt mit einem authentischen, ebenso leichten wie ernsthaften Sound. Der Roman hätte den Jugendbuchpreis, für den er nominiert ist, allemal verdient!

(H.K.)


  • Stockmans Melodie

    Tordo, João

    João Tordo, der Gewinner des renommierten Prémio José Saramago, fasziniert mit einem raff... mehr

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Neues vom unheimlichen Doppelgänger

Stockmans Melodie ist ein phantastisch geschriebenes und raffiniert konstruiertes Verwirrspiel, dessen Lektüre vielfältiges, bisweilen gruseliges Vergnügen bereitet. Der Roman besteht aus zwei Teilen, dessen erster Teil die Geschichte des kurzzeitig in Montreal erfolgreichen, dann jedoch im Alkoholismus abstürzenden Kontrabassisten Hugo erzählt. Nach Lissabon zurückgekehrt, um sich von seiner Mutter aushalten zu lassen, versucht Hugo, endlich jene Komposition zu vollenden, die ihm schon lange durch den Kopf tönt. Doch bevor ihm das gelingt, erlebt er einen Schock: in einem Konzert des angesagten Jazzpianisten Luis Stockman spielt dieser Ton für Ton Hugos Melodie. Damit wird eine Ereigniskette in Gang gesetzt, welche die Identität Hugos immer weiter verwirrt und in ein dramatisches Finale führt. Der zweite Teil wird vom als Ich-Erzähler auftretenden Autor erzählt, der sich als enger Freund von Luis Stockman ausgibt und nun die Geschichte aus dessen Perspektive spiegelt. Dabei wird die Frage nach dem Verhältnis von Hugo und Luis nur noch mysteriöser, im Duktus der Aufklärung geschieht das genaue Gegenteil, ebenfalls in einen dramatischen Schluss führend.

Tordo überzeugt nicht nur mit seiner wahrhaft unheimlichen Handlung, sondern auch mit einer Vielzahl interessanter Figuren, mit archetypischen Leitmotiven (wie dem klassischen Doppelgänger) und einer großartigen Sprache.

Wer noch Emmanuel Carrères Der Schnurrbart kennt, findet hier eine kongeniale, literarisch sogar bessere Variation über das gleiche Thema. Von fern grüßt auch H. P. Lovecrafts Die Musik des Erich Zann, dessen Leser sich ebenfalls von Tordo begeistern lassen dürften.

(H.K.)


  • Manchmal rot

    Baronsky, Eva

    "Ich habe gerade erst angefangen, jemand zu sein."

    Es ist ein Kurzschluss, der... mehr

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Variation über eine amour fou

Der Jurist Christian von Söchting jongliert mit vielen fiskalischen Bällen und steht kurz vor dem ganz großen Deal, als ihm der kleinste 'Ball', seine schwarzarbeitende Putzfrau Angelina, zu Boden fällt. Und zwar wörtlich: beim Auswechseln einer Glühbirne erleidet sie einen Stromschlag und fällt von der Leiter. So wird sie für Christian kurzfristig zum Problem. Angelina Niemann [als nomen loquens = Niemand!] verkörpert das genaue Gegenteil von Christian. Wie Angelina, die nach ihrem Unfall unter einer retrograden Amnesie leidet, sich in Christians Leben einschleicht, davon handelt dieser streckenweise schon märchenhafte Roman. Während der skrupellose Söchting, der sich soeben anschickt, just jene Geschäftspartner, die ihn in seine Karriere hievten, auszubooten, genau so auch in Juli Zehs unterkühlten Romanen auftreten könnte, entfaltet die synästhetisch begabte Angelina eine emotionale Wucht, wie ich sie lange nicht mehr gelesen habe. Die Darstellung der Figuren ist scharfsichtig, empathisch und vielschichtig, einzig der Schriftsteller Jan, dem Angelina gegen Ende verfällt, scheint kurz in den Zuckerguss gefallen zu sein. Besonders beeindruckt haben mich jedoch die präzisen, fein abgestimmten, niemals überzogenen Charakterzeichnungen der Antipoden Christian und Angelina, die bis in die schichtspezifische Sprache wohlüberlegt sind.
Das Buch hält die genaue Mitte zwischen Gesellschaftsroman und Liebesgeschichte, es ist konventionell chronologisch, dabei sehr stilsicher erzählt, allein der Wechsel zwischen auktorialer und Ich-Erzählung, meist mitten im Satz, bringt eine originelle Note ins Erzählte. Den bisherigen Highlights aus diesem Jahr von Leif Randt, David Albahari und Natascha Wodin steht Eva Baronsky in nichts nach.

(H.K.)


  • Das Schachmädchen

    Crothers, Tim

    Ein Buch über die Macht der Hoffnung, die Träume wahr werden lässtPhiona Mutesi zählt z... mehr

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Du hast keine Chance, also nutze sie

Phiona Mutesi wurde am 28.3.1996 in Katwe, Uganda geboren. Ein europäischer Leser wird kein Problem haben, diese Information aufzunehmen. In Katwe hingegen würde das niemand glauben, denn dort, im Slumviertel der Hauptstadt Kampala, kennt man sein Geburtsdatum nicht. Als Phiona für ihre Papiere einen 'Geburtstag' brauchte, trug sie einfach zu dem von ihrer Mutter geschätzten Jahr noch den Tag einer Klassenfeier ein, einer der wenigen Tage in ihrem Leben, den sie in guter Erinnerung hatte. Als sie etwa neun Jahre alt war, geriet sie auf der Suche nach einer Mahlzeit in die seltsame Schachschule von Robert Katende. Dort erhielt sie nicht nur das erhoffte Essen, sondern auch ihre erste Schachstunde. 2009 war sie bereits die beste Schachspielerin Ugandas, die Papiere benötigte sie 2010  für den Flug zur Schacholympiade in Russland. Ihre Geschichte ist ähnlich beeindruckend wie die von William Kamkwamba, dem Jungen aus Malawi, der allein aus Schrott ein Windrad baute. Tim Crothers ist für seine umfangreichen Recherchen zu danken.

Die jetzt anlaufende Disney-Verfilmung des Stoffes begräbt hingegen das ganze Elend unter der falschen Botschaft: 'Jeder kann es - wie Phiona - nach oben schaffen'! Das haben Phiona und besonders ihre Schwestern und Brüder in Katwe nicht verdient! 

(H.K.)


Ein wunderbarer Zugang zu Immanuel Kants Leben

Vierzig Jahre lang diente Martin Lampe (er hieß wirklich so!) als Faktotum in Kants Haus, in dem das Licht der Aufklärung angezündet wurde, bevor Kant ihn wegen seiner Trunksucht entlassen musste (da hatte er die falsche Lampe angezündet...).

An dieser vieldeutigen Figur hängt Antje Herzog ihre großartige, künstlerische und lehrreiche Graphic Novel über den Königsberger Philosophen auf, die vor allem als Charakterstudie zu lesen ist. Kants Eigenheiten, sein streng geregeltes Leben und seine Idiosynkrasien werden liebevoll ins Visier genommen (insbesondere im Kapitel der zehn 'Störenfriede'). Zeichnerisch ist das Thema exzellent umgesetzt. Das Buch beginnt mit Kants berühmter Bewunderung für den Sternenhimmel, von dort wird über mehrere Seiten aus einer Sonne ein Kerzenlicht als Symbol der Aufklärung. Das Gelb des Lichts wird dann die Signalfarbe für Kant im sonstigen Schwarz-Weiß-Geschehen. Die Zitate von Kant, Lampe und anderen Zeitgenossen werden in je verschiedenen Schriftarten wiedergegeben. So hat die Autorin und Künstlerin viele gute Entscheidungen getroffen und ein wahres Kunstwerk erschaffen. In dessen Mittelpunkt ruht als wohl schönstes Bild der auf einem Ast im Blätterwerk sitzende Vogel, eine Grasmücke, deren Wiederkehr Kant alljährlich herbeisehnte.

(H.K.)


  • Geständnisse

    Minato, Kanae

    Die Polizei hält es für einen tragischen Unfall, dass Yuko Moriguchis 4-jährige Tochter i... mehr

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Thriller der Extraklasse

Die beiden 13-jährigen Schüler Naoki Shitamura und Shuya Watanabe haben nach Ansicht der Lehrerin deren vierjährige Tochter ermordet und es wie einen Unfall aussehen lassen. Dafür rächt die Lehrerin sich auf perfide Weise. Der Roman überzeugt bereits durch seine Anlage, indem in sechs Kapiteln fünf Ich-Erzähler auftreten und in je verschiedenen Textsorten wie Rede, Brief, Telefonat etc. ihre 'Geständnisse' abliefern. Der Roman bildet viele Aspekte des modernen Japans ab, die uns im Westen keineswegs fremd anmuten. Mütter, mal verblendet und erdrückend, mal ambivalent zwischen Fürsorge und Hass, blasse Väter und ahnungslose Lehrer stehen Jugendlichen gegenüber, die an Leistungsdruck, übersteigerten Erwartungen und innerer Leere zu zerbrechen drohen.

Und das alles ist in eine atemberaubend spannende Handlung verpackt. Unbedingt lesenswert!

(H.K.)